AUF EIN WORT

FLÜGEL-LAHM!

Liebe Leserin und lieber Leser,
Flügel-lahm!


Ich lese die Nachrichten und blicke auf die Fallzahlen. Immer häufiger bekommen sie Namen. Hinter jeder Zahl verbirgt sich eine Geschichte, zutiefst berührend und bewegend, das wissen wir längst. Aber auf einmal erfahren wir davon, in unserer Nachbarschaft, im Freundeskreis, in der eigenen Familie. Corona rückt näher.


Ja, unsere Gesundheit ist angefasst, wirtschaftlich, physisch, wie psychisch. Das Leben ist anstrengend geworden: hier neue Bestimmungen, da neue Verordnungen. Wer sich heute auf das Morgen vorbereitet, wird sich morgen schon wieder umstellen müssen. Die Enttäuschung ist zur Schwester unserer Pläne geworden. Mühsam ist das!

Und dann sind ja auch noch all die anderen Nachrichten da, die ich hier nicht aufzählen will. Sie kennen sie alle. Und wir spüren es hautnah: In ihrer Summe lasten sie auf uns schwer - machen unsere Flügel lahm. 


Seit ein paar Tagen begleitet mich ein Wort des
Propheten Jesaja. „Die auf den Herren harren,
kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln
wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden,
dass sie wandeln und nicht müde werden“.


Ist jetzt die Zeit für fromme Sprüche?
Nein! Aber Propheten hatten stets das
Zeug dazu, die Menschen zu unterbrechen.
Und ich glaube, dieser Unterbrechung
bedürfen wir jetzt auch.
Ich selber merke, welche Sogwirkung
die Nachrichten auf mich haben.

Schon früh am Morgen und noch spät am Abend, manchmal sogar mitten in der Nacht begleiten mich die Nachrichten aus aller Welt. Es ist, als fielen sie ungefiltert in mich hinein. Wie aber schütze ich dabei meine Seele? Der Prophet will unser Augenmerk lenken. Jesaja nennt es: „auf den Herren harren“. Und ich ergänze: Es geht um unsere Ressourcen, unsere Quellen, unsere spirituelle Heimat, die es gerade jetzt zu pflegen gilt, wenn möglich, schon am Morgen.

Das kann durchaus ein Gebet sein, in dem ich mir Kraft und Vertrauen von jemandem anderen schenken lasse. Aber es kann ebenso ein Spaziergang in der Früh sein, in der ich die Schönheit dieser Erde rieche und die Weite des Lebens atme. Oder ein Frühstück ohne Zeitung, in dem ich die Kostbarkeit unserer Nahrung schmecke. Ja, in dieser Zeit will unsere Seele gehütet sein!

Und erst dann, erst dann in den Tag aufbrechen! Ganz gewiss, auch er wird uns mit Corona und anderen Nachrichten umgeben. Aber mit gehüteter Seele, da bin ich mir sicher, werden wir ihn anders durchschreiten. Vielleicht nicht wie ein Adler fliegend, aber ganz bestimmt, etwas weniger matt und flügellahm! Hüten Sie Ihre Seele, das wird Sie stärken!


Ihr Stephan Opitz
5.11.2020

STO_3451.JPG